Reinhold (G.) Kusche – Das Wunder von Schleswig.


Reinhold (G.) Kusche – Das Wunder von Schleswig.

Foto: privat
Liebe Freunde meines Autorenblogs,
liebe Leserinnen und Leser,

als treue Leser meines Blogs kennen Sie Reinhold G. Kusche natürlich bereits als Autor von spannenden Thrillern. „Die Signatur des Todes“ oder „Dämon der Macht“ gehören ebenso dazu wie „Im Würgegriff der Schleuser“ und „In den Fängen des Drogenkartells„. Dass der Autor auch eine ganz andere (schriftstellerische) Seite hat, mag Ihnen die folgende Geschichte beweisen, die Sie auch ein wenig auf das bevorstehende Wihnachtsfest einstimmen soll. Bei dieser Gelegenheit weise ich, selbstverständlich ganz selbstlos, darauf hin, dass Bücher noch immer zu den beliebtesten und wertvollsten Geschenkideen gehören. Eine Anregung mag Ihnen auch der Katalog von meiner kleinen Publishing-Firma geben, den Sie hier als PDF ansehen oder downloaden können. Nun aber zu der versprochenen Kurzgeschichte von Reinhold G. Kusche.

Das Wunder von Schleswig



Ralf und Melanie von Hardersen gehörten zur sog. besseren Gesellschaft. Beide Mitte 30 entstammten wohlhabenden Hamburger Familien und waren seit zehn Jahren verheiratet. Sie genossen ihr Leben in vollen Zügen. Nur der unerfüllte Kinderwunsch trübte das Glück des jungen Paares. Ein Flugzeugabsturz im südafrikanischen Johannisburg sollte ihr Leben grundlegend verändern.
Melanie und Ralf waren in einem Shuttle-Bus auf dem Weg zu dem Flieger, der sie nach ihrem Urlaub nach Hause zurückbringen sollte, als die Unglücksmaschine auf der äußeren Landebahn aufschlug und zerbarst. Nach Vollsperrung des Flughafens nahmen sie am Rande des Geschehens ein Bündel wahr, das sich als Baby entpuppte. Ganz offensichtlich war es aus dem Flugzeug geschleudert worden. Melanie nahm das Kind auf den Arm. Wie durch ein Wunder war es unverletzt. Ihr stummer Blick bedurfte keiner Worte. Ralf zögerte keinen Moment. Er wusste, was er zu tun hatte …

Wenige Tage später. Apathisch saß der Schleswiger Bankangestellte Bernd Clausen im Wohnzimmer seines Reihenhauses und starrte ungläubig auf die Mattscheibe seines Fernsehers. Die Schreckensnachricht vom Absturz der Maschine hatte ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Unter den Fluggästen waren seine Frau Christina und seine Tochter Mia auf dem Weg zu dem Onkel seiner Frau. Noch immer hörte er die Stimme des Nachrichtensprechers in seinem Ohr: „Es gab keine Überlebenden!“ Aber er weigerte sich, die Realität anzunehmen. Bernd nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Wodkaglas, dem sechsten an diesem frühen Morgen. Seit drei Tagen dasselbe Ritual. Seine Kraft war zu Ende.

18 Jahre später. Nina von Hardersen hatte sich zu einer selbstbewussten jungen Frau entwickelt. Gegen den Willen Ihres Adoptivvaters, eines Hamburger Reeders, hatte sie sich durchgesetzt und war frühzeitig auf ein Kunstgymnasium gewechselt, um ihrem Traumberuf Kunsthistorikerin ein Stück weit näher zu kommen. Zusammen mit ihrer besten Freundin Josefine schloss sie sich begeistert einer Exkursion in die Schleistadt Schleswig ihrer Abiturklasse an, um das Schloss Gottorf zu besichtigen. Vor allem aber hatte es ihr der Dom mit dem weltberühmten Brüggemann-Altar angetan.

Es war Freitag, der 25., ein diesiger Novembertag, als der Bus den Schleswiger ZOB gegen 10.00 Uhr vormittags erreichte.
Als die 18-köpfige Gruppe ausgestiegen war, sammelte die Lehrerin Frau Brokensiep ihre Klasse um sich: „Okay, Herrschaften. Wir beginnen, wie besprochen, mit dem Dom. Der ist hier ganz in der Nähe. Und nach dem Mittag besichtigen wir das Schloss.“
Als ein weiterer Bus auf den ZOB einfuhr, schoss ein kleiner Hund aus der hinteren Einfahrt des Parkhauses heraus und rannte auf die Fahrbahn. Geistesgegenwärtig bremste der Fahrer und so konnte schlimmeres verhindert werden. Spontan lief Nina hinterher und nahm das graue „Wollknäuel“, in das sich alle Rassen dieser Welt verewigt hatten, auf den Arm. „Das war knapp, mein Kleiner. Du musst besser aufpassen.“
Neugierig trat ihre Freundin Josefine an ihre Seite: „Hast du einen neuen Freund, Nina? Der sieht ja abenteuerlich aus. Was ist das für eine Rasse?“
„Sei nicht so ignorant, Josi. Das ist keine Rasse. Der ist einfach nur lieb. Nein, stimmt nicht. Das ist kein Er. Das ist eine Sie.“
Den Protest von Frau Brokensiep ignorierten die Mädchen: „Nina, bitte lass doch den Hund. Wir wollen jetzt weiter“, als eine schwache Männerstimme aus dem Parkhaus ertönte: „Rosie, wo bist du? Komm zurück.“
„Rosie? Bist du das?“
„Ja“, stimmte Josefine zu. „Siehst du nicht? Sie reagiert auf den Namen.“
„Du hast Recht. Ich bring sie schnell zurück. Ich bin gleich wieder hier, Frau Brokensiep“, sagte Nina, drehte sich um und lief ins Parkhaus.
Sie durchquerte die untere Ebene und nahm einen Mann hinter einem Baustellenzaun wahr, der auf einer alten Decke kauerte. Er trug einen dünnen Mantel, der ihn nur unzureichend gegen die Kälte schützte. Die blaue Pudelmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen. In der Hand hielt er eine halb volle Flasche Fusel. Ganz offensichtlich handelte es sich um einen Obdachlosen. Nina stutzte. Dann registrierte sie das milde Lächeln auf dem Gesicht des herunter gekommenen Mannes und übergab ihm den Hund.
„Rosie. Da bist du ja wieder“, sagte er leise. „Vielen Da …“ Doch plötzlich stutzte der Mann und starrte das junge Mädchen entgeistert an. Ängstlich wich Nina zurück.
„Oh mein Gott! Christina!“ Immer wieder wiederholte der Obdachlose diese Worte.
Verwirrt wandte sich Nina ab und schickte sich an zu gehen, als der Mann zu weinen begann.
Mitleidig hielt Nina inne, als der Mann aus der Tasche seines Mantels ein vergilbtes Foto herauszog.
„Christina“, schluchzte er und reichte der jungen Frau das Bild.
Nina zögerte, dann nahm sie das Bild, das eine junge Familie zeigte. Doch plötzlich stutzte sie. Minutenlang starrte sie auf die junge Frau mit dem Baby im Arm, ihrem Ebenbild.

In den folgenden Tagen fand Nina keine Ruhe. Die Begegnung mit dem Obdachlosen im Schleswiger Parkhaus hatte sie nachhaltig berührt. Eine innere Sperre hinderte sie daran, sich ihren Eltern anzuvertrauen. Nicht einmal ihrer besten Freundin Josi hatte sie davon erzählt. Nina zog sich zurück und grübelte. Diese Ähnlichkeit! Krampfhaft versuchte sie sich einzureden, dass es eine Laune der Natur war. Ihre richtigen Eltern waren schließlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Bereits mit zehn Jahren wurde sie einfühlsam über die Adoption aufgeklärt. Als wohlbehütete Tochter aus gutem Haus hatte sie viel Liebe erfahren und wohnte mit ihren Adoptiveltern an der Elbchaussee. Sie vermisste nichts. Was in aller Welt sollte sie mit einem Obdachlosen in Schleswig zu tun haben? Und doch ließ die Begegnung sie nicht zur Ruhe kommen. Ralf und Melanie von Hardersen blieb die Veränderung ihrer Tochter natürlich nicht verborgen. Sie machten sich große Sorgen, vermochten aber nicht, zu ihr durchzudringen.

Samstag, der 24. Dezember, Heiligabend. Beim gemeinsamen Frühstück brach es dann aus Nina heraus und sie erzählte von Ihrer Begegnung.
Die Augen ihrer Mutter füllten sich mit Tränen, als sie beteuerte: „Bitte glaub mir, Nina, es gab keine Überlebenden bei dem Unglück. Von Angehörigen haben wir nichts gewusst.“
Hilflos blickte Nina zu ihrem Vater.
Der erhob sich abrupt von seinem Stuhl, nahm sie in den Arm und sprach ganz leise: „Du bist unser Sonnenschein und du wirst es immer bleiben. Der Sache gehen wir auf den Grund und zwar noch heute Abend. Gebt mir eine halbe Stunde Zeit“, sagte er und verschwand in sein Arbeitszimmer.

Etwa zwei Stunden später stellte Ralf von Hardersen seinen Audi A8 in dem wenig frequen-tierten Schleswiger Parkhaus ab, aber von dem Obdachlosen keine Spur.
„Am Besten, wir suchen getrennt und treffen uns – sagen wir – alle zwei Stunden hier.“
Ergebnislos verging der Tag. Niemandem war der Gesuchte aufgefallen. Auch bei den Notunterkünften der Stadt schien ihn niemand zu kennen.

Es war 18.30 Uhr. „Das macht keinen Sinn, stellte Ralf schließlich fest. Lasst uns abbrechen. Ich verständige nach den Feiertagen meinen Anwalt. Der lässt ihn über die Behörden suchen.“ Und zu Nina gewandt: „Mach dir keine Sorgen, Liebes. Wir finden ihn.“
Im gleichen Augenblick sprang ein kleiner grauer Mischling auf Nina zu und begrüßte sie freudig.
„Rosie? Natürlich, du bist Rosie. Wo ist dein Herrchen.“
Unverzüglich machte der Hund kehrt und führte die Familie hinter den Bauzaun, wo der Obdachlose wieder auf seiner alten Decke kauerte. Auf dem Boden vor ihm lag ein altes Brötchen, in dem eine kleine Kerze steckte. In deren flackerndem Schein betrachtete er reglos das alte Foto seiner Angehörigen. Ralf von Hardersen tauschte einen langen Blick mit seiner Frau und sie verstand jetzt, dass er ihr die Umstände der Adoption verschwiegen hatte.
Während Nina wie erstarrt zurück blieb, gingen ihre Eltern langsam auf den Obdachlosen zu, beugten sich zu ihm hinab und betrachteten das Bild.
Melanie von Hardersen sprach jetzt ganz leise: „ Ist das Ihre Familie?“
Mit tränenerstickter Stimme antwortete der: „Tot.“
„Wie ist Ihr Name?“
„Bernd Clausen. Sind Sie von … der Polizei?“
Sie schüttelte stumm den Kopf.
Als Nina näher trat, lächelte er, zeigte auf sein Bild und hauchte: „Christina.“
„Nein“, sagte Ralf. „Das ist nicht Christina. Das ist Mia“ und mit einem Seitenblick zu seiner Familie „bitte kommen Sie mit uns. Heute ist Heilig Abend.“
(c) Reinhold Kusche – alle Rechte beim Autor

Ihr Rainer Andreas Seemann

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