Hanno Scherf — Herbstmärchen — Herbsttragödie.


Herbstmärchen — Herbsttragödie.

Von Dr. med. Hanno Scherf.

Dr. med Henno Scherf
Bild: privat
Liebe Freunde meines Autorenblogs,
liebe Leserinnen und Leser,
wie bereits angekündigt, habe ich das große Glück, im kommenden Jahr den „Almanach deutschsprachiger Schriftstellerärzte“ herauszugeben. Einer der dortigen Autoren ist Dr. med. Hanno Scherf. Nicht zum ersten mal bin ich begeistert über die Texte der Medizinerinnen und Mediziner, die in ihrer Freizeit Lyrik, Poesie und Prosa verfassen. Dr. Scherf hat mir nun einen Text und Fotografien geschickt, die, wie er es selbst ausdrückt, der Versuch sind, vier Fotos, Herbstschnappschüsse, mit Wikipedia-Wissen zu einer Erzählung zu verbinden.
Sind Sie, liebe Leserinnen und Leser also nicht verwundert, wenn ich entgegen der Gewohnheit, heute kein Buch vorstelle, sondern die Geschichte veröffentliche, die mich so sehr beeindruckt hat.
Im nächsten Abschnitt finden Sie Fotos und Text. Viel Freude beim Lesen!


Phallus impudicus, vormaliges, dann noch essbares Hexenei, nun ausgeschlüpft, äugelt mit der Trugdolde des Liebesperlenstrauches, wünscht Stelldichein auf weißer Bank, wo goldgelbe Ginkgo-Biloba-Blätter Schatten werfen, ist scharf auf die violetten Steinfrüchte der chinesischen Schönfrucht, für den Menschen giftig auch sie, der Callicarpa giraldii.


Als Pilz des Jahres 2020 wirbt er mit weißer Spitze, als sogenannter Leichenfinger, denn angelockt in Scharen durch seinen Aasgeruch haben Fliegen seine schwarzgrüne Gleba, den Behälter seiner Sporen, aufgesaugt, und über seinem erigierten weißen Schaft die olivdunkle Eichel weiß gefressen. (Als Gleba bezeichnet der Mykologe das sporenbildende Innere eines Bauchpilzfruchtkörpers).

Doch auf der für das Rendezvous auserkorenen Bank thront schon der stachelige Fruchtbecher der Tessiner Edelkastanie, der Castanea sativa, Baum des Jahres 2018. Dem ist seine glutenfreie Nussfrucht schon entschlüpft, aufgespalten in drei Teile, zwei halbmondförmige umschließen zentralen Fastvollmond, sind aber an der Spitze mit zarten Banden noch verbunden. Sie, die Marone oder Keschde döst dort vor sich hin, träumt vom hohen Ansehen, in dem sie schon zur Römerzeit stand.

Es kommen zu spät die violette Trugdolde der chinesischen Schönfrucht, zu spät zum tête à tête die gemeine Stinkmorchel, der schamlose Penis oder der Eichelschwamm, der auch als Heilpilz gilt, nun weißer Leichenfinger.
An einer Edelkastanie, die zuerst die Bank besetzte, ihren Stacheln und ihrer braunglänzenden Nussfrucht, scheitert die Romanze von Purpurschönfrucht und Phallus impudicus.

Der Herbst kann grausam sein!

Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Rest-Herbst und eine besinnliche und stressfreie Vorweihnachts- und Adventszeit. Lassen Sie sich nicht einfangen vom immer mehr ausufernden Kommerz, ärgern Sie sich nicht über Werbestrategen, die aus unserem Weihnachtsfest ein „X-Mas“ machen oder Kindergärten, die statt einer Weihnachtsfeier ein „Lichterfest“ feiern.

Weihnachten kann ein Fest der Liebe und des Friedens sein. Wir müssen es nur zulassen.

Liebe Grüße aus Spanien und noch einmal meinen herzlichen Dank an Dr. Scherf für die Genehmigung, diesen Text und die dazugehörenden Bilder zu veröffentlichen.

Ihr Rainer Andreas Seemann

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