Lektorat? Ja, aber…

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Lektorat? Ja, aber…

Eine humorvolle Betrachtung über den Sinn (oder Unsinn?) des Lektorats.

Wer ist der Boss?
Liebe Freunde meines Autorenblogs,
liebe Leserinnen und Leser,
ausgelöst durch eine Diskussion auf Facebook, in der ein Autor (keiner von meinen) sich darüber bitter beschwerte, dass eines der Bücher, die ich herausgegeben habe, kein „professionelles Lektorat“ erhalten hat, fühle ich mich bemüssigt, einmal dieses Thema näher zu beleuchten. Jener andere „Schriftsteller“ hat sich über zwei Dinge echauffiert. Erstens ein Ausrufezeichen in einer Überschrift und über einen Grammatikfehler. Kein Wort hingegen über den Inhalt des Buches, das er auf „keinen Fall kaufen wird“ angesichts der Tatsache, dass hier offensichtlich kein Lektor mitgemischt hat.

Dazu gibt es folgendes zu sagen. Erstens ist ein „professionelles Lektorat“ sehr teuer und für Autoren und/oder Verleger von Kleinauflagen schlicht und ergreifend unbezahlbar und zweitens ist auch das teuerste Lektorat kein Garant für bessere Verkaufszahlen. Ich möchte dies an mehreren Beispielen aufzeigen. Heute beginne ich mit dem Brief eines passionierten Jägers an die Lektorinnen eines Verlags. Es geht um das Buch „Waidmanns Grab“ von Christof A, Niedermeier. Folgen Sie im nächsten Abschnitt den Patzern, die sich die Lektorinnen des Verlags erlaubt haben. Manchmal wäre es eben gut, wenn da Leute säßen, die sich mit der Materie auskennen. (Das gilt auch für den Autor).


Nun also zum Brief des Lesers an den Verlag. Ich zitiere wörtlich.

Betrifft: Das von Ihnen lektorierte Buch „Waidmannsgrab“ von Christof A. Niedermeier

Sehr verehrte Frau Vasquez, sehr verehrte Frau Pagel,

Sie mögen es einem älteren Herrn mit wissenschaftlicher Sozialisation, leidenschaftlichen Jäger, Motorradfahrer, Vielleser und seit neuestem auch Autor (eines offensichtlich wegen politischer Inkorrektheiten nicht zu verlegenden Romans) nachsehen, dass ich Ihnen diesen Brief schreibe. Das o.g. opusculum enthält so viel sprachlichen und auch inhaltlichen Unsinn, dass ich mir erlauben darf, Sie als verantwortliche Lektorinnen darauf hinzuweisen.
Den Plot will ich gar nicht näher kritisieren, de gestibus non disputandum, aber Erinnerungen an die detektivische Feinarbeit der fünf Freunde von Enid Blyton werden da wach, eine Lektüre, die uns 8-11 jährige seinerzeit in den Bann geschlagen hat.
Das etymologisch fragwürdige beginnt bereits beim Titel: bei etwas näherer Beschäftigung mit den sprachlichen Wurzeln des Ausdrucks muss man zum Ergebnis kommen, dass Weidmannsgrab mit „ei“ die korrektere Bezeichnung gewesen wäre, wenn sich auch die „ai“ – Version aus traditionellen Gründen vielerorts noch hält und so schnell offensichtlich nicht in der Vergessenheit verschwindet, vor allem in jagdlichen Laienkreisen.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen (ich habe das Buch nur gelesen und nicht „durchgearbeitet“), darf ich Sie auf folgende sprachliche Schnitzer und auch krasse Fehler hinweisen:
S. 20 spielt eine Gruppe von Jagdhornbläsern ein kurzes LIED. Nun ist ein Lied (Brockhaus/Meyer) mit Gesang verbunden, mit dem Horn werden STÜCKE geblasen.
S. 22 begegnet uns ein mächtiger Keiler mit FELL. Der korrekte Ausdruck beim Schwarzwild ist SCHWARTE
S. 26 werden alle Gewehre und Flinten eingesammelt. Bitteschön, auch eine Flinte ist ein Gewehr. Wenn man hier differenzieren wollte, müsste man Büchsen (Kugel) und Flinten (Schrot) einsammeln. Sieht man einmal von dem völligen Schwachsinn ab, dass kein Jäger mit einer Flinte auf Saujagd geht, ist auch der Schrotschuss auf Schalenwild verboten.
S. 35 wird der inhaltliche Unsinn mit den Waffen widerholt. Weiter unten befindet sich der Gerichtsmediziner Dr. Walter in der Pathologie. Entgegen landläufiger Meinung haben Gerichtsmedizin und Pathologie extrem wenig miteinander zu tun! (etwa wie Augen mit HNO)
S. 78 geht der ballistische Schwachsinn los: der Autor -und Sie wohl leider auch nicht- kennt nicht den Unterschied zwischen Deformations- und Zerlegungs(DUMDUM)geschossen, die auch in der Folge mehrfach synonym gebraucht und auch verwechselt werden. Im Übrigen ist Deformationsmunition keineswegs „streng verboten“, ebenso wenig wie Zerlegungsgeschosse, beide gehören zum täglichen Handwerkszeug des Jägers, der schnell und sicher töten will. Verboten sind sie lediglich bei Militär und Polizei.
S. 79 Selbstverständlich kann man jedes Projektil aus einem normalen Jagdgewehr verschießen: das Kaliber des „Scharfschützengewehrs“ 7,62 dürfte das jagdlich weltweit am häufigsten verwendete sein und wird in einer Reihe unterschiedlicher Patronen verladen (30/30, 308, 30-06, .300 WinMag, .300 Weatherby u.v.a.m.) Wobei die .308 auch ein beliebtes Militärkaliber (NATO-Kaliber) ist und aufgrund ihrer Eigenpräzision auch bei „Scharfschützengewehren“ eingesetzt wird. Letztere kann man übrigens als Sportschütze oder Jäger für wenige tausend Euro problemlos erwerben und, bei entsprechender Übung, auf mehrere hundert Meter 5er Schussgruppen auf einen Bierdeckel setzen.
S. 99 geht ein Jäger wie ein Schweizer Uhrwerk JEDEN MITTWOCH UND FREITAG, PÜNKTLICH UM 22 UHR, über einen kleinen Waldweg. Herrlicher Blödsinn, funktioniert vielleicht höchstens zweimal im Monat, bei zunehmendem und Vollmond, ansonsten pflegt es im Wald um diese Jahreszeit recht dunkel zu sein. Weiter unten findet sich eine FUTTERKRIPPE, höchst interessante jagdliche Einrichtung, mir bislang unbekannt.
S. 181 bekommen wir es mit so interessanten Einrichtungen wie einem JAGDSITZ, was immer das sein soll (freie Erfindung des Autors? es gibt für gewöhnlich Kanzeln, Hochsitze, Ansitzleitern), einem FUTTERTROG (ja, sind wir hier denn bei der Schweinemast?) zu tun. Der Vogel wird aber abgeschossen vom ALTEN HIRSCHBOCK (auf den folgenden Seiten noch mehrfach erwähnt), bei diesem Tier muss es sich um eine animalische Neuentdeckung des Autors handeln, in den einschlägigen Jagdkompendien der vergangene zwei Jahrhunderte ist dieses Tier unbekannt.
S. 183 ist DER KOPF DES HIRSCHES IM FADENKREUZ SEINES ZIELFERNROHRES und wird der kapitale HIRSCHBOCK dann auch per Kopfschuss erlegt- sagenhaft !
S. 270 wird es mit der Bezeichnung unserer heimischen Wildarten noch toller: hier gibt es beim Muffelwild eine MUTTERKUH und einen MUFFELBOCK, kaum zu toppen: es sollte wahrscheinlich ein Schaf und ein Widder gemeint sein; eine Kenntnis, die dem „vielseitig interessierten“ Autor wohl verborgen geblieben ist, sonst wäre er nicht so schöpferisch bei seinen jagdlichen Neologismen.
Zu den sprachlichen gesellen sich noch ein paar inhaltliche Schnitzer, die m.E. weit über die zu tolerierende künstlerische Freiheit hinausgehen:
Unser JUNGER KÜCHENCHEF (ein topos, der bis zum Erbrechen wiederholt wird und dabei inhaltlich zumindest diskussionswürdig scheint: der Protagonist ist gelernter Koch und betreibt ein Restaurant, sollte somit wohl besser als GASTRONOM, WIRT oder was auch immer bezeichnet werden, ein Küchenchef pflegt sich für gewöhnlich im Angestelltenstatus zu befinden) fährt auf S. 288 dem motorradfahrenden Kropacek entgegen und erkennt im Licht der Scheinwerfer die düster stechenden Augen des Herrn Alfred. Wie dieser bei der Kälte ohne Brille oder Visier mit ungeschützten Augen fahren will, ist mir schleierhaft.
Die Augen unseres KÜCHENCHEFS müssen schon etwas Besonderes sein: auf S. 378 erkennt er bei Mondlicht, MEHRERE HUNDERT METER VOM HAUS ENTFERNT, DIE AUGEN..DIESES KALTE GLITZERN; DER MANISCH-ENTRÜCKTE AUSDRUCK. Phänomenal !!!
Das unser Killer mit seinem 200 PS Mopped zur spätherbstlichen Zeit -bei entsprechenden Temperaturen- mit einem Gewehr im Rucksack in zwei Stunden von Hannover an den Rhein fährt und dann noch einen präzisen Zeigefinger hat, hat die Grenze zum Wunderbaren schon weit überschritten!
Es drängt sich der Verdacht auf, dass unser Autor von einigen Dingen, über die er schreibt, nicht den Schimmer einer Ahnung hat – ich gehe mit meiner Beckmesserei, die Sie mir verzeihen mögen, jetzt nicht soweit, auch die erwähnten Rezepte nach zu kochen.
Fazitierend stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob ein Brief wie dieser sein muss. MUSS er natürlich nicht, aber hin und wieder gibt es bei der Lektüre halt doch Situationen, bei denen die Elaborate dermaßen aus dem Spektrum des Erträglichen fallen, dass ich von einer Berechtigung des Konsumenten ausgehe, nicht alles unkommentiert hinnehmen zu müssen.
Ihnen kann ich leider den Vorwurf nicht ersparen, dass der ohne erkennbare Sachkenntnis geschriebene Roman höchst oberflächlich lektoriert wurde. (was, kann man generell für Krimis feststellen, häufig der Fall ist: bei krimispezifisch ja wohl essentiellen Dingen wie Schusswaffen und Ballistik begegnet einem mit unschöner Regelmäßigkeit der abstruseste Unfug).
Vielleicht aber auch meine Schuld, der ich halt, gut möglich, eine zu hohe Erwartungshaltung habe, was, s.o., mit meiner Sozialisation zusammenhängen mag.
Ich hoffe, Sie sind mir aber trotzdem nicht böse!
Mit freundlichen Grüßen

Sie sehen also, liebe Leserinnen und Leser, auch ein „professionelles Lektorat“ schützt nicht vor geschriebenem Unsinn! Ich werde diese Reihe fortsetzen. Zwei weitere Leserbriefe liegen mir bereits vor. Wenn auch Sie schon schlechte Erfahrungen mit einem Lektor oder einer Lektorin gemacht haben, schreiben Sie mir!

Ihr Rainer Andreas Seemann

PS: Der Roman des Briefschreibers hat inzwischen, trotz der politischen Unkorrektheit einen Verleger gefunden: mich! 🙂

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