Reinhold G. Kusche – die zweite Chance.

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Reinhold G. Kusche – die zweite Chance.

Eine Kurzgeschichte.

Reinhold G. Kusche
Foto mit Genehmigung des Autors
Liebe Freunde meines Autorenblogs,
liebe Leserinnen und Leser,

Reinhold G. Kusche hat den Lesern meines Autorenblogs eine wunderbare, spannende Kurzgeschichte mit einem humorvollen Ende zur Verfügung gestellt, die Sie hier und jetzt gratis lesen können:

Die zweite Chance.

Reinhold Kusche

Am Donnerstag, den 1. Februar um 9.30 Uhr öffneten sich die Tore der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg. Zur Haftentlassung des 35-jährigen Bankangestellten Marc Blohme waren drei Beamte zugegen, allen voran die korpulente „Oberschließerin“ Claudia Jansen. Die resolute Frau mittleren Alters wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge, als sie ihrem Schützling die Hand schüttelte und – entgegen ihrem Naturell – ihn spontan in den Arm nahm. Wie jeder in der Anstalt, kannte Jansen die Hintergründe, die zu der Verurteilung von fünf Jahren und drei Monaten geführt hatten. Und nicht nur bei ihr, auch bei so manchem ihrer Kollegen, bestanden von Anfang an Zweifel an der Schuldfähigkeit von Blohme.

Gegen eine letzte Unterschrift erhielt Marc Blohme seine Habseligkeiten, die er in einer großvolumigen Reisetasche verstaute. Ein angedeutetes Winken. Dann trat der verschlossene junge Mann, mit Jeans und heller Windjacke bekleidet, in die Freiheit. Er hatte stark abgenommen. Sein Teint war blass. Die großen, dunklen Augen lagen tief in den Höhlen.

Der Himmel über Hamburg war wolkenverhangen. Marc Blohme sah sich um. Verloren schlenderte er die belebte Straße entlang. Es hatte zu regnen begonnen, als er das kleine Straßencafé entdeckte, in dem er Sie treffen sollte. Das mit weißen Stahlrohrmöbeln spartanisch eingerichtete Bistro war menschenleer. Er bestellte Kaffee und Croissants, angelte nach der aktuellen Tagespresse und entschied sich für einen Fensterplatz. Nachdenklich blätterte er in der Zeitung, konnte sich aber nicht auf das Tagesgeschehen konzentrieren. Trübe Gedanken nahmen von ihm Besitz. Was sollte er jetzt tun? Wo sollte er hingehen? Seine Verlobte hatte sich kurz nach seiner Inhaftierung sang- und klanglos verabschiedet. Er hatte keinen Job. Die Wohnung war längst aufgelöst worden.


Wirre Ideen schossen wie Pfeile durch seinen Kopf. Die Nordland Kredit AG in Schleswig hatte ihm seinerzeit fristlos gekündigt. Sein Job war sein ganzer Lebensinhalt. Nach seinem Wirtschafts- und Informatikstudium war er mit glänzenden Aussichten in das Bankhaus eingetreten und hatte Karriere gemacht, bis zu dem Tag, als er in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckte, denen er auf den Grund ging. Nach den Unterlagen hatte die Nordland Kredit AG seit mehreren Jahren monatliche Zahlungen von 80 – 90.000,– Euro auf das Konto einer Werbeagentur mit Sitz auf Malta geleistet, eine Firma, die es nicht gab, wie er herausfand. Von dort wurde das Geld vermutlich einmal rund um den Erdball geschickt und konnte nicht verfolgt werden. Monatelange Recherchen brachten schließlich den Hinweis auf ein Schwarzgeldkonto einer Schweizer Bank zutage. Als Kontoinhaber war der Direktor der Bank, Konstantin Meinertzhagen, eingetragen. Exakt zu dieser Zeit hatte der 54-Jährige Vorstandsvorsitzende seine 20 % Anteile an dem Geldinstitut verkauft. Damit nicht genug. Als Belohnung für seine Misswirtschaft, den Betrug, die Unterschlagung und die Bilanzfälschung versüßte sich Meinertzhagen seinen Abschied in den vorzeitigen Ruhestand mit 4 Millionen Euro. Und schließlich schob er die von langer Hand akribisch geplanten Transaktionen durch geschickte Manipulationen ihm, Marc Bohme, in die Schuhe, was letztendlich zu seiner Verurteilung führte.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“
Marc schreckte aus seinen Gedanken. „Bitte?“
„Möchten Sie noch einen Kaffee?“
„Hmm, ja bitte.“

Marc Blohme hatte keine Chance. Während seiner langen Haftzeit zog er sich völlig in sich zurück. Er entwickelte abstruse Rachegedanken, die er nach und nach wieder verwarf, bis Sie in sein Leben trat.

Marc sah auf seine Uhr. Es war 10.25 Uhr. Gegen ½ 11 Uhr wollte Sie hier sein. Würde Sie kommen? Was wusste er überhaupt von Ihr? Was führte sie im Schilde? Andererseits, was hatte er zu verlieren? Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an ihren ersten Besuch in Santa Fu dachte.
„Ich bin Lena“, hauchte sie.
„Was wollen Sie?“
„Wie geht es Ihnen?“
„Lassen Sie mich in Ruhe!“
Mit einfühlsamen Worten war es ihr gelungen, Marc aus seiner Lethargie zu holen und sie vereinbarten einen weiteren Besuch. Marc fand Gefallen an der attraktiven Mitdreißigerin mit ihrer ungebändigten „Löwenmähne“ und der warmen Stimme.
Bei einem ihrer mittlerweile wöchentlichen Kontakte sagte sie einen Satz, der sich nachhaltig in sein Gehirn gebrannt hatte: „Immanuel Kant hat mal gesagt: „Der Ziellose erleidet sein Schicksal – der Zielbewusste gestaltet es.““

Mittlerweile war es kurz nach 11.00 Uhr, als ihm die Serviererin bedeutete, an den Tresen zu kommen. Verständnislos kam er der Aufforderung nach.
Die junge Frau zwinkerte ihm zu, senkte ihre Stimme und raunte: „Grüner Wagen vor dem Bistro. Nehmen Sie den Hinterausgang durch die Küche. Silbergrauer Golf.“
Marc schickte einen diskreten Blick durch das Frontfenster. Jetzt erst nahm er die beiden Männer in dem Audi wahr – LKA, wie er vermutete – die ganz offensichtlich auf ihn angesetzt waren, um dem verschwundenen Geld auf die Spur zu kommen.

Fünf Minuten später brauste der VW aus dem Hinterhof des Bistros und reihte sich in den dichten Hamburger Verkehr ein.
„Wie geht es Ihnen, Marc?“
„Soweit gut. Danke für den Tipp. Woher wussten Sie?“
„Das ist doch wohl klar. Die sind hinter der Kohle her. Außerdem haben die sich selten dämlich angestellt.“ Lena lachte laut auf.
„Was haben Sie jetzt vor? Wo fahren wir hin?“
„Zu mir, an einen Ort, den keiner auf der Rechnung hat. Dort gehen wir das Problem an.“
„Kommen Sie! Reden Sie Klartext!“
„Lassen Sie sich überraschen. Erinnern Sie sich an das Zitat von Immanuel Kant? Das ist der richtige Weg. Ich habe einen Plan. Hören Sie sich den an. Wenn er Ihnen nicht gefällt, können Sie immer noch aussteigen.“

Gegen 13.30 Uhr erreichten sie ein großes, hoch eingewachsenes bäuerliches Anwesen in der Nähe von Schleswig.
„Dies alles, was Sie hier sehen, ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen worden. Hier bin ich aufgewachsen, bei meiner Oma. Niemand weiß davon“, sagte Lena, als sie das 2-flügelige Tor der Einfahrt hinter sich schloss. „Kommen Sie, Marc, gehen wir ins Haus. Es ist nichts Besonderes, aber gemütlich.“
Über den Flur des kleinen Backsteinbaus kamen sie in ein rustikal eingerichtetes Wohnzimmer. Das Feuer im Kamin prasselte.
„Sie sind so still?“, sagte Lena, als sie auf der knautschigen Büffelledercouch Platz genommen hatten.
„Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen“, sagte Marc, als sie sich ihrer blonden Langhaarperücke entledigte und eine dunkle Kurzhaarfrisur zum Vorschein kam. „Übrigens, es ist wirklich schön hier. Aber jetzt würde ich gern …“
„Ja, ich weiß, mein Plan“, sagte sie genervt, verließ das Zimmer, um kurz darauf mit einem großen Aktenstapel wieder zu erscheinen. „Das ist alles, was ich zusammengetragen habe.“ Dann schloss sie einen Laptop an und stellte ihn vor Marc auf den Tisch. „In dem roten Hefter finden Sie die Passwörter“, sagte sie bedeutsam.

Nach und nach entwickelte Lena ihr Vorhaben. Mit jedem Wort zog sie Marc mehr in ihren Bann. Er konnte nicht sagen, ob er den brillanten Intellekt dieser Frau bewunderte oder ihre Ausstrahlung. Im Laufe der nächsten Tage kamen die Beiden sich näher und planten ihre gemeinsame Abreise.

Vier Wochen später. Nach ihrer abenteuerlichen Flucht über drei Kontinente, ausgestattet mit neuen Identitäten, bezogen Lena und Marc eine großzügige Villa auf einem kleinen, namenlosen Eiland, unweit der Karibikinsel Antigua. Zum selben Zeitpunkt übergab ein Rechtsanwalt einen dicken Umschlag an Konstantin Meinertzhagen in seinem Schleswiger Haus. Darin fand er einen kompletten Kopiensatz an Beweismitteln vor, die seine Verbrechen lückenlos aufzeigten.

Das Begleitschreiben hatte folgenden Inhalt:
Lieber Konstantin,
anbei die Nachweise deiner „Heldentaten“. Die Originale befinden sich in unserem Besitz. Übrigens, ich habe heute die Scheidung eingereicht.
Viele Grüße
Lena Meinertzhagen und Marc Blohme

Ein eiskalter Schauer lief Meinertzhagen über den Rücken. Er griff nach dem Telefon und wählte die Nummer seiner Schweizer Bank. Das geheime Konto mit seinem gesamten Schwarzgeld von 28 Millionen Euro war leer!

Reinhold Kusche – alle Rechte beim Autor

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